Aktuelle Stresstheorien

Seit den 1980ern beschäftigen sich Stressforscher vorwiegend mit folgenden Fragen:

  • Was sind häufige Stresserzeuger?
  • Wie kann man die Hormonausschüttung bzw. den biochemischen Vorgang messen?
  • Was sind gute Präventionsmöglichkeiten?

In den Mittelpunkt rückt dabei vor allem der Stress am Arbeitsplatz. Zahlen der europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens-und Arbeitsbedingungen belegen, dass etwa 28% der Angestellten unter arbeitsbedingtem Stress leiden. Die Auswirkungen dieses Leidens implizieren beispielsweise psychosomatische und chronisch-degenerative Erkrankungen sowie Fehlzeiten, Fluktuation und Produktivitätsverluste. Im Rahmen dieses Kontexts beschäftigen sich Forscher demgemäß mit folgenden Belangen: 

Häufige Stressoren werden ermittelt und Konzepte erstellt, wie die ideale Arbeitsorganisation aussehen soll. Es wird erörtert wie die Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gestaltet werden können, um Mitarbeiterzufriedenheit und Erfolg des Unternehmens zu gewährleisten.

Als theoretische Grundlage dient dabei das „Arbeitspsychologische Stressmodell“. Es stellt eine Erweiterung und Synthese des Transaktionalen Stressmodells nach Lazarus und des Belastungs-Beanspruchungskonzepts (vgl. Rohmert & Rutenfranz, 1975) dar, das zusätzlich folgende Aspekte beinhaltet:

  • Psychologische Prozesse der Stressregulation
  • Komplexe Belastungskonstellationen
  • Langfristige Belastungsfolgen
  • Bewertungsschemata
  • Bewältigungsstrategien und Ressourcen<
  • Stressoren und Risikofaktoren

In diesem Rahmen definierte Siegfried Greif, einer der oft zitierten Stressforscher, die sich mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz befassen, Stress wie folgt: 

“Streß“ ist ein subjektiv intensiv unangenehmer Spannungszustand, der aus der Befürchtung entsteht, daß eine

    - stark aversive

    - subjektiv zeitlich nahe (oder bereits eingetretene) und

    - subjektiv lang andauernde Situation

sehr wahrscheinlich nicht vollständig kontrollierbar ist, deren Vermeidung aber subjektiv wichtig erscheint. [1]<

Der Stressbegriff beinhaltet – laut dieser Definition- eine negative Konnotation. Zudem beachtet diese Beschreibung den Entstehungsprozess von Stress, der jener zufolge durch die situative Bewertung des Individuums ausgelöst wird.

Das Stressmodell der Arbeitspsychologie unterscheidet zwischen bedingungsbezogenen Stressoren und personenbezogenen Risikofaktoren, diese Differenzierung ist bezüglich der Erforschung von Stress von großer Bedeutung. Fähigkeiten, Kompetenzen und Eigenschaften lassen sich der Subjektebene zuweisen, diese ist durch das Individuum bedingt. Die Ebene der Konditionen beinhaltet jegliche Einflüsse, mit denen man durch die Umwelt konfrontiert wird. Dies sind beispielsweise Arbeitsaufgaben. So betont die moderne Stressforschung einerseits die individuellen Unterschiede; andererseits stellt sie gerade in der Arbeitswelt allgemein gültige Stressoren und Risikofaktoren fest (Zapf & Semmer, 2004, S.1011).Dies sind z.B. Organisationsprobleme oder Lärm.

Den Stressoren und Risikofaktoren stehen die bedingungs- und personenbezogenen Ressourcen gegenüber. „Ressourcen sind Mittel, die eingesetzt werden können, um Anforderungen zu bewältigen, um das Auftreten von Stressoren/Risikofaktoren zu vermeiden, ihr Ausmaß zu mildern bzw. ihre Wirkung zu vermindern“ (Zapf & Semmer, 2004, S.1042). Bedingungsbezogene Ressourcen werden diesbezüglich durch den Arbeitskontext bestimmt. Am bedeutendsten sind Handlungsspielraum  und Unterstützung. Personenbezogene Ressourcen repräsentieren intrapersonelle Kompetenzen und Fähigkeiten.
Ressourcen sind relevante Elemente um arbeitsbedingtem Stress entgegenzuwirken, denn sie prägen die Bewertungs- und Bewältigungsprozesse.

Das arbeitspsychologische Stressmodell beinhaltet die Differenzierung zwischen primärer und sekundärer Bewertung. Erstere behandelt die Einstufung einer Situation bzw. einer Gegebenheit. Bedrohliche Ereignisse, große Herausforderungen oder Verluste können zu einer negativen Evaluation führen. Das bedeutet, dass der Betroffene das Ereignis als stressreich empfindet. Die sekundäre Bewertung kann sich auf die primäre Bewertung auswirken. Die Bewältigung kann letztendlich auf das Problem gerichtet werden oder emotionsorientiert sein.