Selye, H: „Allgemeines Adaptionssyndrom” (1936)

Hans Selye, welcher als "Vater“ bzw. Begründer der Stressforschung angesehen werden kann, prägte den "Stress-Begriff", als er 1926 während seines Medizinstudiums das erste Mal auf das Problem einer universellen Belastungsreaktion stieß.
Selye konstatierte, dass Patienten der unterschiedlichsten Krankheitskategorien einheitliche Symptome aufwiesen. Sie litten an Appetitlosigkieit, Demotivation und Verlust von Muskelkraft und Gewicht; selbst ihre Mimik ähnelte sich. Er resümierte diese Merkmale und betitelte sie als  „Symptom des Krankseins“.

Independant von der Art der Bürde setzten allgemeine und unspezifische Körperreaktionen ein:

  • Ausdehnung der Nebennierenrinde
  • Minimierung des thymikolymphatischen Gewebes

Erst zehn Jahre später, als Selye die eventuellen Auswirkungen bestimmter Hormone untersuchte, beschäftigte er sich unerwartet erneut mit jenen Symptomen.
Er injizierte Ratten eine Substanz aus den Eierstöcken von Rindern und stellte dann fest, dass sie Symptome aufwiesen, welche sonst bei körperlicher Schädigung durch Belastung auftraten.

  • Die Nebenniere wuchs an und entleerte ihre Sekrete.
  • Thymus, Milz, Luymphknoten und jegliche anderen lymphatischen Strukturen zeigten eine starke Schrumpfung.
  • In Magen und Darm traten Geschwüre auf.
  •  

Auf dieser Grundlage basiert seine Definition von Stress:

Stress ist

die unspezifische, stereotype Reaktion des Organismus auf jede Anforderung. [19]<

und das „Allgemeine Adaptationssyndrom“ (AAS), welches die Anpassung des Organismus an die Stresssituation beschreibt.

Das AAS ist in drei Phasen untergliedert:

  1. Alarmreaktion: Wahrnehmung der besonderen Belastung
  2. Widerstandsstadium: Gewöhnung/Anpassung an Belastung
  3. Erschöpfungsstadium: Ermüdung/Überlastung

Alarmreaktion: In dieser Phase wird der Mensch mit der Gefahrensituation konfrontiert, sein Gleichgewicht gestört und  er beginnt alle Kräfte für die Stressbewältigung zu mobilisieren. Es kommt zur Aktivierung des Sympathikus, des Nebennierenmarks und zur Ausschüttung von Andrenalin.In der Alarmphase wird die Blutzufuhr zum Gehirn, zu den Muskeln und zum Herzen optimiert.

Widerstandsphase: Ihren Höhepunkt erreicht die Mobilisierung der Adaptionskräfte in der Widerstandsphase, in welcher der Organismus die Stressabwehr einleitet. Wird in diesem Stadium die Anforderungskapazität des Organismus deutlich überschritten, so erfolgt (theoretisch) der Tod. Reicht die Anpassungsfähigkeit aus, um der Situation standzuhalten, jedoch nicht um den Stress zu bekämpfen, tritt das Erschöpfungsstadium ein.

Erschöpfungsstadium: In diesem Stadium geht die Kapazität der Anpassungskräfte verloren. Dies erzeugt einen Mangel bezüglich der Energiebereitstellung. Die Stressbewältigung kann nicht mehr gewährleistet werden. Der Organismus ist überlastet.

Die Alarmphase ist durch eine Überstimulation geprägt; die Widerstandsphase durch psychosomatische Krankheitserscheinungen (wie Asthma, Hypertonie usw). Die Erschöpfungsphase assoziiert man mit Infektionsanfälligkeit, frühzeitiger Alterung, Depressionen und Angstzuständen.

Zu berücksichtigen bleibt, dass Selye zwar einerseits oft als Begründer der Stressforschung zitiert wird, andererseits aber auch Aspekte seines Modells kritisch betrachtet werden. Man geht heute davon aus, dass Reaktionen nicht unspezifisch verlaufen. Selye selbst räumte später ein, dass Faktoren wie Alter, Geschlecht und Veranlagung einen Einfluss auf die Stressreaktion hätten.